Bäume

 



Dein Verstand wird dich in die Irre leiten –
doch Dein Herz wird Dich zu uns führen,
Dein Lachen schenkt uns Kraft,
Durch Deine Liebe wirst du uns sehen können!

In der Begegnung mit Bäumen geht es vielen wie beim Zusammentreffen mit anderen Menschen: sie wirken anziehend oder eher distanzierend, gesund und kraftvoll oder von Krankheit und Verfall gezeichnet, vermitteln aufgrund ihres Alters und der Größe Respekt oder bleiben als unauffällige Individuen eher unbeachtet. Gleichgültig lassen sie den, der sie bewusst wahrnimmt, in keinem Fall. Bäume sind nicht nur die größten unter den Pflanzen, sie stehen häufig sinnbildlich für die vegetative Natur als Ganze – gewissermaßen als die respektabelsten pflanzlichen Pendants zum Menschen. Der Baum bietet sich deshalb zur Projektion menschlicher (Charakter-)Eigenschafen geradezu an.

Dass das Volk der Kelten nicht nur, wie wir heute sagen würden, naturverbunden war, sondern mit großem Respekt vor allem Natürlichen lebte, Bäume und andere Pflanzen oder Quellen mit geistigen Prozessen in Zusammenhang und sich selbst als Teil dieser Prozesse sah, ist mit Bezug zu umfangreichen, z. B. archäologischen Forschungen, aber auch aus schriftlichen Darstellungen etwa römischer Autoren erkennbar und unstrittig. Da die Kelten selbst in Ihrer Hochzeit keine schriftlichen Dokumente hinterlassen haben, bleibt aber die Ausdeutung vieler geistiger Relikte dieser Kultur von unseren eigenen Denkmustern abhängig.

Dass bestimmte Bäume und Pflanzen bei den religiösen Riten und im Zusammenhang etwa von Jahreszeitenfesten der Kelten eine herausragende Rolle spielten, ist uns bekannt. Prominentestes Beispiel ist die Eiche, deren keltische Bezeichnung auf den gleichen Wortstamm wie das Wort für Druide, dem Angehörigen der Priester- und Intellektuellenschicht der Kelten, zurückgeführt wird.

Herausragende Bedeutung hatten auch imposante Eiben, die sich teilweise heute noch in der Nähe englischer und schottischer Friedhöfe und Kirchen finden und damit auf ihren damaligen Stellenwert für die keltische religiöse Praxis verweisen.

Der überzeugendste Nachweis zur Existenz eines geschlossenen Systems verschiedener Bäume und Pflanzen in keltischer Tradition ist das sogenannte Ogham-Alphabet, welches in Gestalt des Baum-Ogham bestimmte Buchstaben mit konkreten Bäumen und Pflanzen parallel setzt. Mit Ogham-Zeichen markierte Steine finden sich in Irland und Schottland und werden auf die Zeit zwischen dem 5. und 7. Jahrhundert sowie auf das 9. Jahrhundert datiert, d. h. in eine Zeit, zu der die kulturelle Hochzeit der Kelten längst zu Ende war, sich bestimmte Traditionslinien im äußersten Nordwesten des ehemaligen keltischen Verbreitungsgebietes aber noch lebendig halten konnten. Hierzu gibt es auch schriftliche Überlieferungen.


drachenlinien